Es ist später Vormittag, ich sitze in meinem Zimmer in "der Anstalt". Nebelschwaden wabern über dem Neusiedler See. Ich bin überrascht, wie schnell ich mich an die Ebene mit ihren sanft hügeligen Weinbergen gewöhnt habe. Die ersten drei Programmpunkte meiner Therapieliste sind bereits absolviert: 7:00 Frühstück im Speisesaal, 8:00 Achtsamkeitsspaziergang, 8:40 Basisgruppentreffen.
Das Frühstück nehme ich im Speisesaal ein, immer versteckt hinter einer FFP2 Maske. Nur am Einzeltisch darf die Maske zwecks Nahrungsaufnahme fallen. Ein mittlerweile sehr vertrautes Ritual. 2020, was hast Du uns alles gebracht?
Danach ein Spaziergang entlang des Schilfgürtels. Ich versuche, mich auf einen Sinn zu konzentrieren, achtsam durch die Landschaft zu schreiten. Zwei Katzen kreuzen meinen Weg, neugierig und erwartungsvoll blicken sie mir entgegen. Sie wissen, dass viele Patienten aus der Anstalt Futter für sie bereit halten. Natürlich ist es verboten, sie zu füttern. Ein Stück weiter tummeln sich fünf Störche auf der Storchenwiese. Die majestätischen Vögel stolzieren über die Winterwiese, nehmen keine Notiz von den Spazierenden.
Nach dem morgendlichen Spaziergang geht es gleich in die Gruppensitzung, erstes Kennenlernen mit den Psychotherapeutinnen. Die Atmosphäre ist entspannt, wir Patienten kennen einander nun seit 4 Tagen. Die Gruppe der Burn-Out'ler ist die größte, soziale Phobien oder bipolare Persönlichkeitsstörungen seltener. Die üblichen Kennenlernspiele werden gespielt, Gruppenregeln aufgesetzt. Soweit kein Unterschied zu jedem x-beliebigen Management Seminar. Und doch ist alles anders.
Ich lebe seit 5 Tagen in der Anstalt.
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